Zwangststörungen
Unter Zwangsstörung oder Zwangserkrankung versteht man das Leiden unter Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen – oder wie es meist vorkommt, einer Mischung aus beidem.
Im Englischen wird die Zwangskrankheit als „Obsessive compulsive disorder“, kurz OCD, bezeichnet. Dabei sind mit „obsessions“ eben genannte Zwangsgedanken gemeint und mit „compulsions“ die darauf folgenden Zwangshandlungen, zu denen sich der Betroffene zur Ausführung gezwungen fühlt.
Zwangsgedanken sind Gedanken oder bildhafte Vorstellungen, die scheinbar ins Bewusstsein „einschießen“ und schwer „abgestellt“ werden können. Der Betroffene erlebt diese Gedanken als sinnlos und sehr belastend, da diese überhaupt nicht seinen eigentlichen Werten entsprechen.
Zum Beispiel:
Einer besorgten Mutter drängt sich immer wieder der Gedanke auf, sie könnte ihr Kind mit einem Messer verletzen.
Die Gedanken einer Frau drehen sich ständig um die Sorge, sich mit einem Virus angesteckt zu haben oder andere angesteckt zu haben.
Einem Kino Besucher drängt sich immer wieder der Gedanke auf, er könnte plötzlich obszöne Dinge in den Saal schreien.
Einen jungen Mann quält während und nach einer Autofahrt der Gedanke, er könnte jemanden angefahren haben.
Weiters kann man noch gedankliche Rituale unter Zwangsgedanken einordnen. Das kann ein Wiederholen von bestimmten Gedankenketten sein, ein Zählzwang (Dinge im Alltag werden gezählt) oder ein gedankliches Zählen bis zu einer gewissen Zahl, bevor man eine Tätigkeit beginnt. Auch Grübelzwänge oder ein ständiges Zweifeln können Zwangsgedanken sein.
Im Prinzip kann jedes Thema zum Inhalt von Zwangsgedanken werden. Was einen Zwangsgedanken als solchen ausmacht ist, dass dieser als „ich-dyston“ -also ich fremd, nicht den eigenen Werten entsprechend – und vor allem quälend erlebt wird.
Zwangshandlungen sind Handlungen und Rituale, die der Zwangskranke als sinnlos und unvernünftig oder zumindest als übertrieben erlebt. Er fühlt sich jedoch gezwungen diese (wiederholt) zu machen.
Das ist es auch, was Zwangskranke von Menschen mit einer Zwanghaften Persönlichkeitsstörung (Anankastischen Persönlichkeitsstörung) unterscheidet, welche der Meinung sind, dass es „ja eigentlich schon besser wäre, würden alle Menschen die Dinge genauso machen, wie sie selbst.“
Bei Zwangskranken treten beim anfänglichen Versuch, die Handlung zu unterlassen, massive Angst und Anspannung auf, die erst – wenn auch nur für kurze Zeit- abklingen, wenn er die Zwangshandlung doch ausführt. Dabei können diese im Laufe der Chronifizierung der Zwangserkrankung zu sehr ausgefeilten Ritualen werden, deren Handlungsablauf penibel genau eingehalten werden muss – sonst muss der Betroffene wieder von vorn beginnen.
Die häufigste Form der Zwänge sind Wasch- und Reinigungszwänge. Die Befürchtungen dahinter sind recht unterschiedlich, Diese können die Angst vor Ansteckung mit Krankheitserregern betreffen (AIDS, Toxoplasmose), die Angst vor Blut, Fäkalien, Urin, Schmutz eben wegen konkreter Ansteckungsgefahr oder einfach wegen Ekel und Gedanken der Unreinheit.
Bei manchen Zwangserkrankten äußert sich das in intensivem, wiederholtem und lang andauerndem Händewaschen oder Duschen, bei anderen eher in Vermeidung von Berührung von Mitmenschen, Türklinken, Lichtschaltern, Treppengeländern etc. Weiters wird alles geputzt und gereinigt, was irgendwie „verseucht“ worden sein könnte.
Diese stellen die zweitgrößte Gruppe der Zwangserkrankungen dar. Betroffene fürchten, durch Unachtsamkeit (Licht eingeschalten lassen, Tür „nicht gut“ zuzusperren) und Ungenauigkeit (Fehler machen) eine Katastrophe auszulösen. Beispielsweise besteht eine große Angst, dass die Wohnung durch einen nicht ausgeschalteten Herd oder ein vergessenes Bügeleisen abbrennen oder durch ein offenes Fenster eingebrochen werde werden könnte. Ebenso kann die Angst bestehen, dass man – ohne es zu merken – mit dem Auto jemanden angefahren zu haben oder jemandem unbemerkt Schaden zugefügt zu haben (irgendwo anzustoßen, Bakterien oder Viren zu übertragen). Dadurch wird immer wieder kontrolliert, wobei die Kontrollen keine Entlastung herbeiführen und dennoch die Unsicherheit weiterbesteht. Die Kontrollen nehmen oftmals viel Zeit in Anspruch, teilweise werden auch die Angehörigen miteinbezogen. Das Verlassen der Wohnung kann dadurch zur Qual oder (fast) unmöglich werden.
Bei Wiederholungszwängen fühlen sich Betroffene dazu gezwungen alltägliche Handlungen immer eine bestimmte Anzahl lang zu wiederholen. Solange die entsprechende Zahl nicht erreicht wurde, besteht eine starke Anspannung und Angst. Es besteht das Gefühl, wenn dem Zwang nicht nachgekommen wird, könnte etwas Schlimmes passieren.
Bei Zählzwängen verspürt der Zwangskranke den Drang, bestimmte Dinge immer wieder zu zählen. Das können alle möglichen Gegenstände im Alltag sein, wodurch der Zwang den Alltag massiv einschränkt. Wir dem nicht nachgekommen, besteht ebenso eine starke Anspannung und Angst, dass „etwas Schlimmes“ eintreten könnte.
Bei Sammelzwängen besteht die große Angst, dass man etwas Wichtiges wegwerfen könnte. Dadurch wird es schwer alte Dinge, die man eigentlich nicht mehr braucht, wegzugeben.
Die Betroffenen leiden unter sehr strengen Ordnungskriterien und Unordnung macht sie angespannt. Dadurch verbringen sie sehr viel Zeit damit zu Hause immer wieder Dinge zu ordnen (Kleidung, Küchenutensilien, Dosen, Flaschen usw.).
Dabei leiden Betroffene unter dem Zwang, bestimmte Dinge anzufassen oder gerade nicht anzufassen, z.B.: jede Straßenlaterne zu berühren oder mit den Füßen beim Gehen bestimmte Stellen am Boden zu berühren oder zu vermeiden.
